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Alfa Romeo Spider – Seit dreißig Jahren Klassiker

Es sind unfassbare 52 Jahre seit Alfa Romeos Spider uns die Köpfe verdreht. Wie er in dieser Zeit von der Presse, von Alfa selbst und von seinen Besitzern gesehen wurde, ist alles andere als eine Konstante und genau davon handelt dieser Artikel.

Werfen wir einen Blick auf den Markt von 1967. Der Duetto mit 109 PS für 12.990,- Mark trifft auf Triumph TR4 (100, 12.750,-), Fiat Spider (90, 10.980,-) und VW-Porsche 914 (80, 11.995,-). Ein 911 E Targa brachte für 26.474,- Mark 140 PS und spätestens jetzt erkennen wir: der Duetto hatte die Leistung eines astreinen Sportwagens.
Erkannte man nach drei Jahren, dass er mit dieser DNS zu lieblich aussah?
Der Name Duetto schlägt in dieselbe Kerbe: so heißt ein Auto für einen verliebten Ausflug zum Picknick am Sonntag Nachmittag, ein Auto für Zweisamkeit. Bernd Woytal von Motor Klassik zitiert im Jahr 1998 einen Alfa-Händler namens Helmut Hahn aus Mannheim, welcher zu wissen behauptete, der Duetto sei im Werk zunehmend als Frauenauto verpönt gewesen. Zeitzeugen, die Ende der Sechziger urteilskräftige 30 Jahre erreicht hatten, werden langsam selten. Dennoch: sollte einer von Ihnen diesen Artikel lesen und sich erinnern, wie der Duetto damals auf ihn wirkte, lassen Sie es mich bitte wissen.
Halten wir uns bis dahin an schriftliche Aufzeichnungen. Auto, Motor & Sport kommt im ersten Test des Duetto von 1966 unumwunden auf den Punkt: „Schon in Genf deutete sich an, dass diese Form nicht einhellige Begeisterung auslösen wird, und wenn man die Perspektive sucht, aus der man den Wagen nicht ansehen darf, dann ist sie hier schnell gefunden: nämlich direkt von hinten.“ Und ein Jahr später heißt es, beim Alfa sei „alles rund, Laufkultur, Leistung, Handlichkeit Komfort. Nur die Form könnte von mir aus weniger abgerundet sein“. Im ersten Test des Fastback 1970 spricht Fritz Reuter schließlich vom neuen Heck als „von vielen Spider-Freunden lange gewünschte Änderung“.

Das Werk selbst begründete die Überarbeitung zum Fastback ausschließlich mit aerodynamischen Gründen. Das Ergebnis neuester aerodynamischer Untersuchungen im Windkanal des Politecnico di Torino“ hätten den Ausschlag gegeben, so zitiert Chris Rees in seiner grandiosen Spider-Biografie.
Fassen wir zusammen: für die Theorie zu großer Weiblichkeit in der Wahrnehmung der Karosserieform gibt es nach meinen Erkenntnissen keine schlüssigen Belege. Am Ende wird es wohl ganz allgemein das Stilempfinden des Autokäufer gewesen sein, das den Daumen senkte. Ofensichtlich traf der Duetto damals nicht den Geschmack seiner Zeit.

Ab 1970 dann sehen wir den Spider mit Coda Tronca, Kamm-Heck oder Fastback und der nächste Punkt, an dem ich einhaken möchte, ist ein Motor Klassik Heft von 1998, somit heuer genau 20 Jahre alt. Sogar die jüngsten Fastback-Spider waren damals noch keine historischen Fahrzeuge vor dem Gesetz, als „preiswertes Trend-Cabrio mit Alltagsqulitäten“ beschrieb man ihn auf der Titelseite. Besonders interessant finde ich einen Bildtext: „Die sportliche gestaltete Front gewährt Überholprestige“. Sieht man heute einen Spider, möchte man ihn beinahe in all seiner zierlichen Zerbrechlichkeit zwischen aufgeblasenen Geländewägen in den Arm nehmen.
Ein Fastback in gutem Zustand kostete 1998 22.500,- Mark, Tendenz über die Jahre stetig leicht fallend – somit wurde er damals offensichtlich noch den Gebrauchtwagen zugerechnet und nicht den Klassikern. Heute liegen die wenigen unrestaurierten, guten Autos über 25.000,- Euro und kratzen an der nächsten Marke.

Zurück in die erste Hälfte der Achtziger. In Deutschland keimte gerade eine neue Italienliebe, die Serie Allein gegen die Mafia führte uns die ganze Bandbreite italienischer Eleganz in Autos, Architektur Kleidung und Lebensstil vor Augen. Die Squadra Azzura war 1982 in Spanien Weltmeister geworden und stetes Wirtschaftswachstum ließ das Land im Süden aussehen, als sei den Italienern endlich die Symbiose aus Erfolg und Lebensfreude gelungen, die der deutschen Seele seit jeher so schwer fiel. Entsprechend klingt Clauspeter Beckers Test des Spider Aerodynamica von 1983. Ich möchte am liebsten den gesamten Artikel zitieren, denn vergleichen mit der spröden, fast feindseligen Sicht des deutschen Autorjornalismus auf den bildschönen Duetto in den Sechzigern, wirkt der sprühende Text der Achtziger für den, seien wir ehrlich, ein wenig verunstalteten Aerodynamica zumindest überraschend. Von „unnachahmlichem italienischen Flair“ hören wir und von „Liebe auf den ersten Blick“, welche der Spider „bei sensiblen Autofahrern“ seit 17 Jahren erwecke. Dass er seine reizvollsten Partien der amerikanischen Gesetzgebung zuliebe in Gummipuffer umwandeln musste, beschreibt CPB als „ein bisschen in McDonald’s-Brötchen deformiert“.

Liebe Leser, wie Ihr an der Bebilderung dieses Artikels seht (analog fotografiert und gescannt), besaß ich in meiner Klassikerlaufbahn einen Coda Tronca in Giallo Prototipo, allerdings keinen Duetto und keinen Aerodynamica. Wenn Ihr also Bilder zur Verfügung stellen möchtet, kommt am besten rüber in GrandRetro, gerne aber auch hier in Facebook. Auch bin ich mir im klaren, dass in stilistischen Dingen immer nur Meinungen gelten und keine absoluten Wahrheiten. Somit: her mit Euren Meinungen!

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