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Die Berge, Italien, die Autos der Zukunft und der Mann, der sein Motorrad Milbe nennt

M. ist Professor und als solcher geht er den Dingen auf den Grund. Wenn er feststellt, dass er mit seiner 10PS-Suzuki, die er Milbe nennt, kaum später ankommt als die Herren in den großen Herrenbeschleunigern, dann möchte er wissen, warum. „Man denkt als Homo Sapiens in Distanzen, die man zu Fuß bewältigen muss, also hält man 10 km Vorsprung für einen riesigen Unterschied. Aber man kommt auf einem Motorrad mit 10 km Rückstand auch nur 10 Minuten später an“ sagt er. Während er das noch sagt, strenge ich mich redlich an, einen Weg zu finden, ihm endlich den Namen Milbe auszureden.
Wir sind eine merkwürdiges Reisetandem: ein 40 Jahre alter Porsche und eine Suzuki aus der jüngeren Vergangenheit. Alt, neu, langsam und schnell lassen sich bei diesen beiden beliebig konjugieren und es kommt trotzdem immer etwas heraus, das irgendwie Sinn ergibt. Reiseziel, -anlass und -umstände sind nicht weniger merkwürdig. Wir fahren nach Parma, um dort dem Rennteam des Professors beizustehen. Noch ungewöhnlicher wird diese Unternehmung dadurch, dass das Rennteam ausschließlich aus Studenten besteht und die Rennwagen elektrisch sind.
Unsere Tour beginnt am Ammersee und führt uns durch winklige und schmutzige Wege durch das Allgäu, so dass wir zwei Stunden später in Landeck im Lechtal sind und über das Hahntennjoch ins Inntal wechseln.

Ein gachen Blick hat man von jeher von der Prillerhöhe bei Imst. Wir erlauben uns eine Reminiszenz an das schöne, österreichisch-bayerische Wort „gach“, das Rechtschreibprogramme heutzutage in wach oder nach korrigieren. Und dabei war es einst namensspendend für Münchens Kulturstätte Gasteig, nichts anderem als dem gachen Steig, also einem scharfen Anstieg. Münchner meinen damit das kleine Bergerl, das rechts der Isar nach Haidhausen hinauf führt.

Den Hauptkamm der Alpen überqueren wir mit dem Reschenpass und obwohl wir genau wissen, was uns erwartet, lässt uns die versunkene Kirche doch wieder einen Schauer über den Rücken laufen.

Die Mutter aller Bergpässe erwartet uns am Nachmittag, das majestätische, unvergleichliche, erhabene, gewaltige Stilfserjoch, das uns an der Ortlergruppe vorbei nach Italien bringt. Alfa Romeo erwies ihm in jüngster Zeit mit seinem italienischen Namen „Stelvio“ die Ehre.

Wie kommen Österreicher und Italiener nur auf die Idee, eine Straße wie diese, im Aufwand kaum der Brennerautobahn nachstehend, in die Berge zu schlagen, um Mals und Bormio zu verbinden? Die Antwort liegt in der Politik des vorletzten Jahrhunderts. Die etwa 50 km lange Straße über das Stilfser Joch wurde von 1820 bis 1826 vom Kaiserreich Österreich-Ungarn gebaut, um Mailand, das den Habsburgern gehörte, mit den Reichsteilen im Norden zu verbinden ohne eigenes Gebiet verlassen zu müssen. Während des Großen Krieges verlief die Front über das Stilfser Joch und noch heute zeugen Überreste von Stellungsanlagen vom Krieg in den Bergen.

Auf unserem restlichen Weg wurde die Straßenführung nicht mehr so aufregend und herausfordernd, aber Italien zeigt seine Schönheit auch in den kleinen Dingen: einer Dorfkirche, einem Pfau, einem gedeckten Frühstücksbuffet, einem Parkplatz für altes Eisen neben der Straße, einer Autowäsche in der Ebene und einer verlassenen Trattoria.

Das Ziel unserer Reise? Ein Rennen, das es in sich hatte, in jeder Hinsicht. Elektrische Rennwägen aus Dutzenden von Ländern und Universitäten, glühende Sonne, Spannung, heißer Wettkampf. Formelautos, die mit dem Klang eines Küchengeräts beschleunigen wie eine Kanonenkugel. Nicht weniger spannend die Vielfalt der Konstruktion: italienische Eleganz, deutscher Perfektionismus, indisches Handwerk.

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2 responses to Die Berge, Italien, die Autos der Zukunft und der Mann, der sein Motorrad Milbe nennt

  1. amazing trip. all in one, history , culture. nature and cars/bikes

  2. That was held in Varano, right?

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