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Porsche 924

Mercedes von Karmann, BMW aus Steyr, Opel aus Mailand, Porsche aus Finnland, eine praktisch identische Rohkarosserie bei einem VW und einem Porsche-Geländewagen? All das war nie und ist auch heute kein Problem, sondern absolut gängige Praxis in der Autoindustrie. Porsche als Entwicklungsdienstleister? Kennen wir aus den Achtzigern (Seat Ibiza) und Neunzigern (Harley Davidson V-Rod). Warum um alles in der Welt sollten wir den 924 daher als verkappten Audi oder VW mit Porsche-Label abtun? Mischt man sich in der Betriebskantine von Porsche in Weissach unter die Leute, hört man die Worte Bus und Traktor. Die Mitarbeiter meinen damit die Produkte Panamera und Cayenne bzw. Macan. Für die kleinen Sportwagen Boxter und Cayman bzw. 718 ist mir kein verächtliches Wort bekannt. Eher hört man die beliebte Geschichte, wie der Cayman der Ikone 911 auf den Pelz rückt, wenn es um Rundenzeiten und Fahrdynamik geht. Sehen wir den 924 daher mit den Augen der Zehner Jahre dieses Jahrhunderts und erkennen wir in ihm den kleinen Porsche Sportwagen seiner Zeit neben dem großen 928 und dem alten 911.
Porsche war in den Siebzigern gezwungen über neue Wege nachzudenken. Abgas- und Geräuschvorschriften, Fahrverhalten, erste Gedanken über Crash-Sicherheit, die Ölkrise, der Ersatz des 911-Onkels Käfer durch den Golf, … die Einschläge kamen näher. Technologien, die Abhilfe für Schwächen des 911 versprachen wie Allradantrieb, Computer-basierte Entwicklungsverfahren, anständige Reifen oder gar ABS und ESP waren damals zum Teil noch nicht einmal eine entfernte Ahnung. Doch wie sich Porsche daraus befreite! Der 928 war für sich genommen ein grandioser Entwurf. Vorwürfe an den 911 wie Geradeauslauf, Geräuschentwicklung, Übersteuern, die schwergängige Lenkung, bitte schön: alle beseitigt. Seine objektiven Vorzüge, Traktion, Schub, Kurvengeschwindigkeit, Lenkpräzisision und -Feedback, Qualität und Haltbarkeit: alle noch da. Am Design von 924 und 928, insbesondere den unverfälschten Urmodellen, lässt sich nicht das geringste aussetzen. Innovativ und modern, aber charakterstark und durch und durch ein Porsche, so standen sie ab 1976 auf der Straße. Porsche schien einen neuen Stil gefunden zu haben. Als sich Volkswagen noch vor Ende der Entwicklung vom ursprünglich als Audi-Sportwagen gedachten Projekt 924 zurück zog, bot sich Porsche die Chance, die Modellpalette durch ein Einstiegsmodell zu erweitern. Eine Strategie, die zwanzig Jahre später mit dem Boxster gut funktionierte. Porsche griff zu.

Dass der 924, Auftragsentwicklung hin oder her, vom kreativen Aufbruch in Weissach inspiriert wurde, wer wollte das bestreiten? Hätte der 911 wie erwartet Anfang der Achtziger abgedankt, Porsche hätte mit 924 und 928 ein großartiges Modellprogramm moderner Sportwagen gehabt. Der 924 für die jungen Käufer, der 928 für die arrivierten. Wer konnte absehen, dass Autos sich in den verrückten Achtzigern emotionalisieren und alle Nachteile des luftgekühlten Heckmotors plötzlich als Charakter ausgelegt würden? Der Vergleich mit dem 911 liegt bei jedem Porsche-Sportwagen in der Luft, also stellen wir uns den wichtigsten Fragen gemessen an den Werten des Modelljahrs 1976. Leergewicht 924 / 911: 1080 kg / 1145 kg, Leistung 125 PS / 165 PS, Höchstgeschwindigkeit 204 km/h / 222 km/h, Preis 23.240 Mark / 34.500 Mark. Die Beschleunigung von 0-100 unterstreicht die Vorteile des Heckmotorkonzepts, aber sehen wir uns die 9,5 sec des 924 im Vergleich mit einem Mercedes 280 SLC von 1975 an (8,5 Sec, 39.380 Mark), sieht die Welt ganz anders aus.

Wer wie der Autor den Look der 70er liebt, muss weder auf Außenlack in Vipergrün noch auf Karo- und Paschasitze verzichten. Der 924 ist ein hervorragend liegendes Auto und in Punkto Praktikabilität unter seinesgleichen unerreicht. Die Heckklappe aus gewölbtem Glas konnte man nach dem 924 bei keinem anderen Auto mehr sehen, sie adelt das Design mit Einzigartigkeit. Die Tennistasche meines Zahnarzt sah darunter für mich als Teen mindestens so cool aus aus wie die Serie Dallas. Seinen Klappscheinwerfern möchte man Tag und Nacht beim Klappen zusehen.

Die Preise ziehen langsam an und beinahe ist man versucht zu sagen, es wurde auch Zeit. Ab 1977 begann Porsche beim 924 wie beim 911 das Verzinken ernst zu nehmen. Wenn man das Auto im deutschen Winter nicht benutzt und ersten Anzeichen für Rost konsequent hinterher geht, wird die Karosserie problemlos halten.

Für ein Viertel der Kosten selbst der günstigsten 11er erhält man mit dem 924 einen souveränen Klassiker. Die Bandbreite seines Stils umfasst schrill, bunte Siebziger und coole, mattschwarze Achtziger. Wer mit der gnadenlosen Performance des 911 ringen will und seine Geschichte und Aura liebt, wird im 924 nicht glücklich werden. Der 924 ist für die, die einen souverän lässigen Klassiker suchen, der sich im Sommer im Alltag benutzen lässt und der den Porsche-Spirit in sich trägt.

Das schöne und originale Examplar aus unseren Bildern steht bei Westside.Cars in Hamburg: https://www.westsidecars.eu/fahrzeuge/porsche-924-5-gang-targadach/

8 additional images. Click to enlarge.


5 responses to Porsche 924

  1. Back at the time in Sweden, this car had earned a rather unflattering nickname of “Donald Duck Porsche” (Kalle Anka Porsche) which unfortunately really stuck to it. Heading for a revival? Maybe its time…

  2. late eighties the 924 or 944 was still expensive. Like today with the mr-2 for an overpayed 911 – i bought an attractive alternative for the 924turbo.
    The mighty Nissan 200sx. 169turbo Horses and weak brake performance in a 924style shape. But back in these days who needed brakes ?

    cheers today from zuerich

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